Liebender Gott

Michael Lapsley, anglikanischer Priester aus dem Volk der Zulu, der jahrelang die Apartheid in Südafrika bekämpft hatte, wurde im Jahr 1990 durch einer Briefbombe schwer verletzt

Liebender Gott,

Heute möchte ich für all diejenigen beten, die an dem Attentat mit der Briefbombe beteiligt waren, dessen Opfer ich geworden bin. In all diesen Jahren habe ich ohne Hände gelebt, mit nur einem Auge und weiteren Beeinträchtigungen. Sieben Jahre nach der Bombe musste ich mich einer Gehirnoperation unterziehen, was eine Spätfolge dieses Anschlages war.

Danke mein Gott, dass du mich nicht verlassen hast während meines Leidensweges.

Es ist schwierig für die zu beten, von denen man nicht die Namen kennt. Ich weiß nicht einmal, wie viele in mein Gebet eingeschlossen werden müssen, denn ich weder weiß ich, wie viele neben oder weiter weg von mir verletzt wurden noch erinnere ich mich an diejenigen, die solche Attentate unterstützt oder billigend in Kauf genommen haben. Am Kreuz hat dein Sohn Jesus gebetet: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Aber was ist mit denen, die wissen, was sie tun? Einige von ihnen verstanden ihr Handwerk, ich sollte einen schrecklichen Tod sterben, unter unglaublichen Schmerzen.

Da die Mutter deines Sohnes, Jesus, sich am Fuße des Kreuzes aufhielt, habe ich gespürt, dass sie verstehen würde, was mir passiert ist, und ich weiß, dass meine eigene Mutter ein Kreuz zu tragen hatte, als die Bombe mich traf.

Ich erinnere mich an den Brief, den ich dir einige Tage nach dem Anschlag mit diesen Worten geschrieben habe: Die Apartheid hat versucht mich umzubringen. Sie ist gescheitert, ich lebe noch.

Die meiste Zeit danke ich Gott für das, was mir passiert ist. Sogar wenn ich noch daran leide, was ich verloren habe, weiß ich, dass ich auf eine unvergleichliche Weise gewonnen habe, das heißt ich habe einen Auftrag gewonnen, einen Dienst, die menschliche Familie in ihrem Leiden zu begleiten.

Ich weiß nicht, wer die Bombe hergestellt hat. Ich weiß nicht, wer meinen Namen auf den Umschlag geschrieben hat. Ich weiß nicht, wer den Brief aufgegeben hat. Ich weiß nicht, wer den Befehl erteilt hat noch wie viele Personen in der Kommandokette beteiligt waren.

Manchmal, eines schlechten Tages, wünsche ich denjenigen, die mich verletzt haben, dass es ihnen nicht gut geht. Meine Sorge ist dann, dass die da, welche die Bombe hergestellt haben, in der Nacht ruhig schlafen können, unbekümmert, oder immer noch überzeugt davon, dass, das was sie gemacht haben, sei richtig gewesen.

Es gibt einen Namen, den ich kenne : F: W. De Klerk, der weiße Präsident, zu dessen Amtszeit die Todesschwadronen unablässig unterwegs waren. Er versetzt mich heute noch manchmal in Wut, denn er verleugnet nach wie vor seinen Anteil an dem Bösen, dem Hass und dem Tod, mein eigenes Attentat eingeschlossen. Ich bete, dass vor seinem Tod sich seine Einstellung mäßigt.

An manchen Tagen möchte ich ihn treffen. An anderen Tagen nicht. Würde dies ihm helfen, oder mir, oder uns beiden oder jemand anderem?

Wenn diejenigen, die in mein Attentat verwickelt waren, Gefangene ihrer Herzen sind, so möchte ich dennoch mit ihnen eine Reise der Genesung unternehmen.

Liebender Gott, mach dass das möglich wird.
Liebender Gott, ich bete für den Segen derjenigen, die mich verwundet haben.
Vergib mir, für alles, was ich möglicherweise verwundet habe, absichtlich oder ohne es zu wollen. Hilf mir, demütig zu sein und mit mir selber nicht zufrieden zu sein.

Danke dafür, dass du ein Gott der Milde, der Gnade, des Friedens und der Vergebung bist.

Amen.