Hilf, Herr

Hilf, Herr,
die Gerechten haben abgenommen
und selbstlos sind wenige unter den Menschen.
Jeder sieht, wo er bleibt;
keiner will seine Position aufs Spiel setzen;
auch will keiner Spielverderber sein.
Warum Unrecht Unrecht nennen?
Das bringt nur unnötige Schwierigkeiten.
Man muss nicht unbedingt laut sagen, was man denkt.
Warum nicht dieses loben und jenes mittun?
Heuchelei ist ein altmodisches Wort.
Nur so kommt man durch.

Soll ich den Herrn anrufen,
dazwischenzuschlagen,
sie auszurotten die Angepassten und Heuchler?
Wer bin ich?
Bin ich denn anders?
Auch ich denke zuerst und immer an mich.
Trotz aller humanistischen Ziele, die ich vertrete:
Ich bin für gerechte Verteilung der Güter,
der Chancen, der Macht;
Ich bin für Frieden und Versöhnung;
Ich nenne die Ungerechtigkeit beim richtigen Namen,
die Ungerechtigkeit
der Weissen gegenüber den Schwarzen,
der Reichen gegenüber den Armen,
der Ausbeuter gegenüber den Ausgebeuteten.
Aber was mir selbst weh tun könnte,
stelle ich nicht bloss.
Selbstsucht im Mantel der Menschenliebe,
Heuchelei im Gewand der Weltverbesserung.
„Weil die Elenden Gewalt leiden und die Armen seufzen,
will ich jetzt aufstehen“, spricht der Herr.
„Ich will Hilfe schaffen dem, der sich danach sehnt.“

Gilt dieses Wort?
Hält es stand?
Ist es lauter wie Silber,
im Tiegel geschmolzen,
geläutert siebenmal?
Wann steht Gott auf?
Wo schafft er Hilfe?

Ich denke an Jesus,
der selbstlos war,
der sich drangab für andere.
Hilfe zu schaffen ist möglich,
ungeheucheltes Wort ohne Angst,
Eintreten für jede Ungerechtigkeit,
ohne Rücksicht auf die eigene Position.
Veränderung der Welt kann geschehen.
Hilf, Herr, dass wir uns ändern.

Dozentin – DDR
aus: „Friedensgebete aus aller Welt“