Gebet aus einem Konzentrationslager

Friede sei den Menschen, die bösen Willens sind
und ein Ende sei gesetzt aller Rache
und allem Reden von Strafe und Züchtigung.
Aller Massstäbe spotten die Greueltaten;
Sie stehen jenseits aller Grenzen menschlicher Fassungskraft,
und der Blutzeugen sind viele.

Darum, o Gott,
wäge nicht mit der Waage der Gerechtigkeit ihre Leiden,
dass du sie ihren Henkern zurechnest
und von ihnen grauenvolle Rechenschaft forderst,
sondern lass es anders gelten.
Schreibe vielmehr allen Henkern und Angebern und Verrätern
und allen schlechten Menschen zu und rechne ihnen an:
All den Mut und die Seelenkraft der andern,
ihr Sichbescheiden, ihre hochgesinnte Würde,
ihr stilles Mühen bei allem,
die Hoffnung, die sich nicht besiegt gab,
das tapfere Lächeln, das die Tränen versiegen liess,
und alle Liebe und alle Opfer, all die heisse Liebe.
Alle die durchpflügten, gequälten Herzen,
die dennoch stark und immer wieder vertrauensvoll blieben
angesichts des Todes und im Tode,
ja auch die Stunden der tiefsten Schwäche...
Alles das, o Gott, soll zählen vor DIR
für eine Vergebung der Schuld als Lösegeld,
zählen für eine Auferstehung der Gerechtigkeit.
All das Gute soll zählen, nicht das Böse.

Und für die Erinnerung unserer Feinde
sollen wir nicht mehr ihre Opfer sein,
nicht mehr ihr Alpdruck und Gespensterschreck,
vielmehr ihre Hilfe, dass sie von der Raserei ablassen.
Nur das heischt man von ihnen,
und dass wir, wenn alles vorbei ist,
wieder als Menschen unter Menschen leben dürfen
und wieder Friede werde auf dieser armen Erde
über den Menschen guten Willens,
und dass der Friede auch über die andern komme.

Amen

(Dieses Gebet, das wohl ursprünglich im Frauen-KZ von Ravensbrück gebetet wurde, hat Andreas Moor von ACAT-Schweiz in 1996 im Krematorium des Konzentrationslagers von Buchenwald gefunden und abgeschrieben)